Wind, Welle, Natur: Ich zähle die Tage!
„Du interessierst dich für Vögel?“, wurde ich im Vorfeld des Fahrtenseglertreffens 2026 im Ostseebad Wustrow (Saaler Bodden) mehrfach gefragt. Aber bei meiner Anmeldung zum „Wanderzugvogel“ ging es natürlich nicht um fliegende Vögel, sondern um Kielzugvogel und Schwertzugvogel, die unter Seglern zu Recht Kultstatus genießen. Ein Erfahrungsbericht von Marcel Fatschel, YCNM Königs Wusterhausen

Von einem gemeinsamen Treffen der Kiel- und Schwertzugvögel hatte ich schon vor zwei Jahren gehört, konnte es mir aber damals terminlich nicht einrichten. Der Gedanke reifte, der Wunsch reifte; umso glücklicher war ich, als das Treffen 2026 in einem für mich gut erreichbaren Revier stattfinden sollte. Schnell konnte ich meinen Vorschoter vom Treffen überzeugen und wir meldeten uns über die Homepage an. Ich war erstaunt, wie professionell, digital und einfach alles ging. Prompt erhielten wir Feedback und unsere Vorfreude wuchs mit jedem Tag: Wandersegeln mit dem Zugvogel, insgesamt 13 Boote!
Neue Freunde
Anfang August: Das Boot war aus dem Wasser, letzte Reparaturen und eine Grundreinigung waren erledigt und die Taschen mit allem Nötigen gepackt. Zelt, Stühle, Planen, Fender, Anker, mehrere Segel – ich verlor langsam den Überblick. Also Augen zu und ab nach Wustrow auf dem Fischland zwischen Ostsee und Saaler Bodden.
Dank des geringen Gewichts kommt man mit dem Zugvogel auch elektrisch non-stop bis zur Ostsee. Nach kurzer Rast in Rostock kamen wir am späten Mittag in Wustrow an. Die Zufahrt zum FSC Godewind, unserem Gastgeber, liegt etwas versteckt hinter dem Hafenparkplatz. Kurzes Unbehagen, ob wir im falschen Hafen angekommen sind – aber kurze Zeit später entdeckte ich den ersten Zugvogel, knallgelb mit schwarzem Mast: das „Butterblümchen“!
Nach einer kurzen Vorstellung begann schon das Fachsimpeln, Maststellen und Slippen. Immer mehr Zugvögel tauchten auf, nach einer Stunde war mein Namensgedächtnis erschöpft – aber das Boot war im Wasser und direkt neben dem Schiff von Matthias, dem Mitorganisator und Autor der Wanderzugvogel-Seite, vertäut.
Das Gelände des FSC ist wie gemacht für ein Fahrtenseglertreffen. Ein großes Vereinsheim mit Küche, viele Tische im Freien sowie viel Platz für Zelte, Wohnmobile und Trailer. Ich bemerkte schnell, wie viel Mühe sich der Verein gegeben hat, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Der Blick wanderte vom Hafen Richtung Bodden. Die Wellen zeigten leichten Schaum bereits kurz hinter der Hafeneinfahrt. Bestimmt gute vier Windstärken, vielleicht ein bisschen mehr. Eigentlich nicht die perfekten Konditionen, um ein Revier kennenzulernen – aber wir waren ja zum Segeln hier. Also kurzerhand raus aus dem Hafen und den Tonnenstrich gen Süden, raus auf den Saaler Bodden. Damit wir auch wieder zurückfinden, gab es für jeden Teilnehmer eine laminierte Karte – denn mit Wassertiefen unter zwei Meter ist der Bodden ein anspruchsvolles Revier. Geschichten von abgerissenen Ruderanlagen gingen mir durch den Kopf…
Wustrow liegt geschützt in einer Einmündung des Boddens. Daher können die Windverhältnisse im Hafen täuschen, was wir nun mit jedem Meter, den wir uns weiter auf den Bodden wagten, immer deutlicher zu spüren bekamen. Die Welle wuchs und der Wind nahm zu. Ein kurzer Blickaustausch genügte und wir beendeten unseren kleinen Ausflug. Die Logge zeigte bereits 10 km an. Für diese Strecke müssten wir auf unserem Haus-See eine ganze Weile segeln.
Zurück im Hafen war es nun Zeit für den geselligen Teil und das Abendbrot. Hauptthema des Abends: Es fehlten noch drei Boote! Das Wanderzugvogel-Treffen 2026 teilte sich erstmals in einen offiziellen Teil in Wustrow, zu dem wir angereist waren, und eine vorausgeschaltete Wanderfahrt, die von Dabitz (Grabow) durch den Barther Bodden, Bodstedter Bodden und über den Saaler Bodden bis zum Treffen nach Wustrow führen sollte. Sechs Crews hatten das Abenteuer der Anfahrt gewagt, drei von ihnen hatten es aber noch nicht bis nach Wustrow geschafft. Kurz vor der Meiningen-Brücke war ein Zugvogel auf Grund gelaufen, zwei weitere waren in seiner Nähe geblieben. Als in Wustrow das Treffen begann, war diese Dreiergruppe erst bis Wieck gekommen.
Hafentag
In der Nacht intensivierte sich der Wind und zerrte an den Leinen unseres Zeltes. Als morgens auch der Gaskocher immer wieder vom Wind ausgeblasen wurde, war klar: Hafentag! Wir entschieden uns, den Kirchturm von Wustrow mit wundervollem Blick über den Bodden und die Ostsee zu erklimmen. Weiter ging es Richtung Bernsteinfest mit diversen Verkaufs- und Informationsständen. Ich bin nicht so der Typ für Klimbim und so blieb es für mich bei einem Fischbrötchen und einem Abstecher auf die Seebrücke Wustrow.

Zurück im Hafen wurde uns der Wanderzugvogel-Stander überreicht. Die meisten hatten ihren bereits unter der Saling angebracht: Ein tolles Bild! Der Rest des Tages wurde genutzt um sich anzuschauen, wie Niederholer, Fallen, Trimmleinen etc. bei den anderen Booten installiert sind. Die Klassenvorschriften lassen den Kiel- und Schwertzugvogelwerften diesbezüglich viel Spielraum, was dazu führt, dass kein Boot dem anderen gleicht. Also schnell die Kamera raus und bei der „Jara“ ein paar Bilder gemacht, um meinen suboptimalen Baumniederholer später nach ihrem Vorbild umzubauen.
Wiedervereinigung
Nach einer ruhigen Nacht bei abnehmendem Wind stand die Mission für den Folgetag fest: Wir segeln den vermissten Fahrtenseglern entgegen, die am Morgen in Wieck aufklariert hatten und auf dem Weg nach Wustrow waren. Bei strammem Westwind und der einen oder anderen Gleitfahrt erreichten wir zügig, fast schon zu zügig, die Bülten: eine Reihe von kleinen Inseln, geprägt von Landzungen und einer Menge Untiefen. Wir kreuzten eine Weile hin und her und machten uns einen Spaß daraus, die in die Enge einlaufenden Dickschiffe zu überholen. Der Zugvogel war in seinem Element, die Windverhältnisse optimal. Trotz verlorener Wettfahrt grüßte man uns stets nett zurück.
Nach einiger Zeit tauchten hinter den Bülten drei Masten auf. Die Spannung stieg, ob das die fehlenden Kameraden sind, und tatsächlich: Durch das enge Fahrwasser segelnd, ohne Hilfe von Motoren, kamen nach und nach die drei Boote zum Vorschein, zwei davon einhand unterwegs. Meinen Respekt hatten die Crews sofort. Gemeinsam segelten wir zurück nach Wustrow, doch kurz vor dem Abzweig in die Bucht überkam mich fast ein Gefühl von Trauer, schon am Ziel zu sein. Eine kurze Abstimmung an Bord führte zur Entscheidung, weiter Richtung Dierhagen zu segeln. Die Konditionen waren einfach perfekt, wir bekamen nicht genug und freuten uns wie kleine Kinder über den Segeltag.

Althagen
Am darauffolgenden Tag frischte der Wind noch einmal auf. Trotz Schaum auf den Wellen fuhren wir gemeinsam raus: Ziel Althagen. Bereits hinter der zweiten Tonne waren wir in Gleitfahrt, die Welle baute sich weiter auf und der Rumpf stampfte kräftig. Auf der Hälfte des Weges hatten wir das erste Mal richtig Zeit uns umzuschauen. In Blickweite waren nur noch zwei weitere Zugvögel zu sehen, beides Kielboote. Wo waren die anderen Schwertzugvögel? Die Kieler hatten die Segelfläche deutlich reduziert. War es zuviel Wind? Wir entschlossen uns umzukehren, um nach den anderen Ausschau zu halten. Zur gleichen Zeit bekamen wir ein paar ordentliche Drücker eingeschenkt. Das Groß komplett offen, nahm die Geschwindigkeit auf halbem Wind immer noch zu. Die erste Welle kam über den Bug, Wasser im Schiff – Lenzer auf. Kurz danach erneut, diesmal aber direkt über die Crew. Ich habe auf dem Schwertzugvogel als Steuermann noch nie Wasser in den vor Staunen weit offenen Mund bekommen. Ziemlich salzig. Zeit zum Umkehren. Zurück in der etwas geschützten Bucht kommen uns weitere Boote entgegen, es gab anscheinend Verzögerungen beim Auslaufen. Wir entschlossen uns trotzdem, zurück zu fahren. Die Situation mussten wir erstmal bei frischem Räucherfisch auswerten.
Nach einer längeren Mittagspause und Analyse der Wettervorhersage entschieden wir uns, am Nachmittag einen erneuten Versuch zu starten. Der Wind hatte von einer Fünf auf eine schöne Drei abgenommen. Also schnell das Boot gepackt und wieder raus! Der Bodden war nicht wiederzuerkennen. Wir hatten Ruhe im Schiff, die Vögel (die fliegenden) zogen in Schwärmen an uns vorbei und es machte sich schon fast eine Art Abendstimmung breit. So kamen wir bei nachlassenden Winden in Althagen an und segelten ohne Motor in den Hafen. Wir schauten uns kurz um, machten ein Beweisfoto für die anderen, die bereits zurück in Wustrow waren, und kreuzten unter den Blicken der Touristen wieder raus auf den Bodden. Kurz vor Barnstorf kreuzten wir den Weg eines Zeesbootes. Zwei Mann Besatzung und diverse Touristen. Wir tauschten uns über das Revier und den Tiefgang der Boote aus und übersahen vor lauter Gequatsche fast die Reusen des lokalen Fischers. Auweia… Natürlich durften wir uns für diese Aktion einen Spruch des Zeesbootkapitäns anhören.
Zurück im Hafen wurde uns klar: Das Treffen neigte sich bereits dem Ende entgegen. An unserem Steg waren wir der letzte Zugvogel, weil einige schon vorzeitig abgereist waren. In kleiner, aber feiner Runde verbrachten wir den letzten Abend und schmiedeten Pläne für das nächste Treffen, so als hätten wir schon immer zur Gruppe dazugehört.
Wehmut
Der letzte Morgen begann unter einer grauen Wolkendecke. Das Wetterradar zeigte eine große blaue Regenwand von Westen an. Im Regen aufzuslippen ist nicht schön, ein nasses Zelt zu verpacken aber definitiv schlimmer. Also standen die Prioritäten fest. Gegen Mittag war alles verpackt und verladen. Auch der letzte Kielzugvogel hing am Haken und wurde sanft auf seinem Trailer abgesetzt.
Mit dem einsetzenden Regen war es Zeit, auf Wiedersehen zu sagen. Eine gewisse Wehmut konnte ich nicht unterdrücken. Zu schön, zu intensiv waren die Eindrücke der letzten Tage. Innerlich stand meine Entscheidung bereits fest: Ich zähle die Tage bis zum nächsten Treffen.
Danke!
Die Organisation eines solchen Treffens ist kein Selbstläufer. Es funktioniert nur, wenn viele Menschen mit den gleichen Ideen und Vorstellungen zusammentreffen und zusammen daran arbeiten. An dieser Stelle deshalb ein nicht messbares Dankeschön an die Organisatoren für ihre Energie und Leidenschaft. Ihr schafft mit eurem Engagement viel mehr als nur ein Treffen. Ihr haltet den Zugvogel und den Breitensport Segeln abseits der Regattabahn am Leben.












